Der Alpabzug von Charmey: Tradition ist Familiensache
Der Alpabzug von Charmey: Tradition ist Familiensache
Früh raus für den besonderen Tag
4:30 Uhr. Es ist stockfinster auf der Alp Les Invuettes, als Bauer Gérard Biland den Stall betritt. Noch früher als üblich. Heute ist ein grosser Tag: Alpabzug. Doch den Kühen ist das egal. Sie wollen gemolken werden.
Seit fünf Monaten leben Biland, seine Frau Anne und die 60 Kühe schon auf der Alp über dem Freiburger Dorf Charmey. Hier oben, kurz vor dem Jaunpass, finden die Tiere reichlich frisches Gras und Kräuter. Aus ihrer Milch machen die Bilands während des Sommers rund 13’000 Kilo Käse: darunter Spezialitäten wie der Gruyère d'Alpage AOP und Vacherin Fribourgeois d'Alpage AOP sowie Double Crème. Gérard verkauft die Spezialitäten direkt auf der Alp, Anne verarbeitet sie in der Buvette zu feinen Gerichten.
Die Désalpe begleitet mich schon mein ganzes Leben.


Höhepunkt und Abschied
Die Désalpe, der Alpabzug Ende September, ist der Höhepunkt des Alpsommers. Für Gérard "einerseits ein wunderschönes Ereignis, andererseits aber das Zeichen, dass der Sommer nun zu Ende ist." Doch für Sentimentalität bleibt jetzt keine Zeit. Jede Kuh wird gewaschen und geschmückt. Den Schmuck aus Papierblumen, Tannenästen und bunten Bändern fertigen die Bauernfamilien in den Wochen davor selbst. Die besten Milchkühe, die Königinnen der Alp, werden besonders festlich hergerichtet. Sie tragen den Sapin, einen kleinen Tannenbaum mit farbigen Bändern und werden den Tross ins Tal anführen.
Die Alp des Invuettes in Zahlen:
897 Meter über Meer liegt die Alp
5 Monate dauert der Alpsommer
60 Kühe verbringen den Sommer auf der Alp
7 Tage pro Woche ist die Buvette während der Alpsaison geöffnet
30 Jahre bewirtschaftet Gérard die Alp bereits

Willkommene Gelegenheit für ein Familientreffen
Ein Fest für die Familie
"Der Alpabzug ist für uns auch ein Familienfest", strahlt Anne. Denn wann sonst kommen alle ihre drei Kinder und ihr Enkel auf einmal zu Besuch? Auch die Jüngsten tragen schon die traditionelle Tracht der Region. Die Buben den Bredzon, die Edelweiss am Kragen. Die Mädchen haben sich die Zöpfe geflochten und tragen die traditionelle Tracht, das Dzaquillon, mit seiner bunten Schürze. "Tradition ist mir sehr wichtig", sagt Gérard. "Die Désalpe begleitet mich schon mein ganzes Leben. Früher als Zuschauer und nun seit 30 Jahren als Senn auf Les Invuettes."
Der Alpabzug ist für uns auch ein Familienfest.
Ein Alpabzug ist kein Spaziergang
Der Alpabzug von Charmey gilt als einer der schönsten der Schweiz und lockt jedes Jahr Besucherinnen und Besucher aus allen Landesteilen und dem Ausland an. So malerisch die geschmückten Kühe und die Bäuerinnen und Bauern in Tracht auch wirken, hinter dem Fest steckt viel Arbeit. "Bis alle Kühe und die Geissen fertig sind, dauert es mehrere Stunden. Und wir müssen uns ja auch noch ‹chic› machen", lacht Gérard. Ausserdem müssen Strassen gesperrt und der Verkehr geregelt werden.


Warum Tiere den Sommer auf der Alp verbringen
Rinder, Schafe und Ziegen verbringen den Sommer oft auf Alpen und fressen dort frisches Gras und Kräuter. Die Wiesen im Tal liefern währenddessen Heu für den Winter oder werden anderweitig genutzt. Im Herbst, bevor der erste Schnee fällt, kehren die Tiere ins Tal zurück.
Die Alpwirtschaft hat in der Schweiz eine lange Tradition. Sie erhält die Alpweiden und fördert die Biodiversität: Viele seltene Pflanzen und Tiere finden dort einen wertvollen Lebensraum.

Rund 13’000 kg Käse produzieren Bilands während eines Alpsommers.
Erst die Arbeit, dann die Vorfreude
Und kaum unten beim Hof angekommen, kümmern sich die Bauern um das Vieh. Denn abends müssen die Tiere ein zweites Mal gemolken werden. So wie jeden Tag, ob auf der Alp oder im Tal. Doch sobald alles erledigt ist, gesellen sich Gérard und seine Helfer zum Rest der Familie und feiern den Tag des Alpabzugs gebührend mit. "Kurz nach dem Alpabzug freue ich mich schon wieder auf den nächsten Alpaufzug", sagt Gérard Biland und lacht.
Alpsaison und UNESCO
Seit 2023 gehört die Alpsaison zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Ausgezeichnet werden der Alpauf- und Alpabzug sowie das über Generationen weitergegebene Wissen rund um die Alpwirtschaft. Dazu gehören die Betreuung der Tiere, die Pflege der Weiden und auf vielen Alpen auch die Verarbeitung der Milch zu Alpkäse, Butter und weiteren Alpprodukten.
Alpabzüge finden an vielen Orten in der Schweiz statt. Wann und wo steht hier.
