Wählerisch beim Essen? Natürlich!

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Wählerisch beim Essen? Natürlich!

"Picky Eaters": Wenn Kinder nicht (alles) essen wollen, ist dies noch lange kein Grund, sich Sorgen zu machen. Wir haben mit dem Psychologen und Kinderbuchautor Fabian Grolimund gesprochen.

Picky Eaters/Eating - was ist das?

Picky Eaters bezeichnet v. a. Kleinkinder, die sehr wählerisch essen und viele neue oder ungewohnte Lebensmittel ablehnen. Das Picky Eating ist häufig eine normale Entwicklungsphase, die ab dem vierten Lebensjahr langsam abnimmt. In der Schweiz gibt es keine exakte offizielle Zahl, aber etwas jedes fünfte Kind gilt phasenweise als Picky Eater.

Erst die Mühe, dann die langen Gesichter

Kennst du das? Du hast fein gekocht, vielleicht sogar etwas, das das Kind normalerweise gerne isst. Und plötzlich will es das Kind nicht essen. Es dreht den Kopf weg, hält sich den Mund zu – und das alles nur, weil zum Beispiel die Sauce das Fleisch berührt? Das ist anstrengend und frustrierend, hast du dir doch so viel Mühe gegeben, etwas Feines auf den Tisch zu zaubern.

Wählerisch beim Essen zu sein, kann ab einem bestimmten Alter zur natürlichen Entwicklung der Kinder dazugehören.

Fabian Grolimund, Psychologe

Anstrengend, aber überlebenswichtig

"Wählerisch beim Essen zu sein, kann ab einem bestimmten Alter zur natürlichen Entwicklung der Kinder dazugehören", sagt Experte Fabian Grolimund. Meist mit etwa zwei Jahren beginnen Kinder damit, bestimmte Speisen nicht (mehr) essen zu wollen. "Sie sind dann sehr wählerisch, was die Lebensmittel angeht, die sie essen, und lehnen oft neue oder ungewohnte Nahrungsmittel ab." Bei den meisten Kindern nimmt dieses Verhalten ab dem vierten Lebensjahr dann langsam wieder ab.

Dieses Essverhalten hat laut Grolimund unter anderem evolutionäre Gründe: "Wenn die Kinder ab einem gewissen Alter nicht mehr ständig getragen werden, sondern laufen können, haben die Eltern weniger Kontrolle darüber, was die Kinder in den Mund nehmen. Also ist es überlebenswichtig, dass sie nicht alles einfach essen." Auch sensorisch bedingtes Picky Eating sei möglich: "Einige Kinder sind hypersensibel und reagieren stark auf sensorische Reize, beispielsweise auf bestimmte Konsistenzen, Texturen oder Geschmäcker."

Geduld zahlt sich aus.

Auch wenn es nicht immer einfach ist, lohnt es sich, dem Kind neue Lebensmittel anzubieten – auch wenn diese am Anfang gar nicht beachtet oder abgelehnt werden. Studien zeigen, dass Kleinkinder mindestens acht- bis 15-mal mit einem neuen Lebensmittel in Kontakt kommen müssen, bevor sie es akzeptieren.

"Safe Foods": Segen und Fluch

Viele Kinder mit wählerischem Essverhalten haben Mühe, Neues zu probieren. Sie wählen daher Nahrungsmittel, die sie kennen und die jeweils sehr ähnlich schmecken. Diese bezeichnet man als Safe Foods. Dazu sagt Experte Grolimund: "Milchprodukte wie Joghurt, Quark oder Käse, die sich die Kinder von klein auf gewohnt sind, sind oft solche 'sicheren' Lebensmittel." "Man muss aber auch vorsichtig sein, dass man dem Kind nicht nur dieses Essen vorsetzt, um Ruhe zu haben." Denn so komme das Kind kaum noch mit anderen Gerichten in Kontakt und versteife sich immer weiter auf seine vertrauten Speisen.

Das Wichtigste ist, mit Geduld und Ermutigung darauf zu reagieren und keinen Druck aufzubauen. Das wäre kontraproduktiv.

Fabian Grolimund, Psychologe

Picky Eating: den Teufelskreis durchbrechen

Doch wie sollst du nun mit deinen wählerischen Esserinnen oder Essern zuhause umgehen? "Das Wichtigste ist, mit Geduld und Ermutigung darauf zu reagieren und keinen Druck aufzubauen. Das wäre kontraproduktiv", so Psychologe Grolimund. Denn wenn das Kind gestresst ist, reagiert es mit Widerstand, Angst und Appetitlosigkeit, was die Sorgen der Eltern weiter verstärkt. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Zum Glück gibt es Strategien, wie man gute Voraussetzungen schafft, damit sich Kinder stressfrei an neue Geschmäcker wagen.

Leicht wählerisches Essverhalten ist unbedenklich, solange das Kind ausreichend versorgt ist.

Fabian Grolimund, Psychologe

Geduld und Nachsicht statt Druck

Bei allen praktischen Tipps ist Fabian Grolimund eines besonders wichtig: "Sei als Elternteil nachsichtig mit dir selbst, wenn die Umsetzung nicht gleich klappt oder sich wieder alte Muster einschleichen. Das passiert uns allen." Denn leider existieren keine schnellen Lösungen, Tricks und Methoden, die dein Kind sofort dazu bringen, eine neue Speise zu probieren oder Gemüse plötzlich zu mögen.

"Wenn es darum geht, die Geschmackspalette unserer heiklen Esserinnen oder Esser zu erweitern, müssen wir eher in Monaten und Jahren denken als in Tagen und Wochen." Geduld bringt mehr als Druck, Zwang und Härte. Alles, was wir tun können, ist, den Kindern immer wieder Angebote zu machen und sie gleichzeitig mit ihren Besonderheiten liebevoll anzunehmen. "Denn es sagt nichts über deine Liebe, Fürsorge und Kompetenz als Elternteil aus, ob dein Kind Broccoli isst oder nicht."

Zur Person

Fabian Grolimund ist Psychologe (FSP) und Buchautor. Zusammen mit Stefanie Rietzler hat er unter anderem das Kinderbuch mit Beratungsteil "Willst du nicht wenigstens mal probieren?" zum Thema Picky Eating verfasst. Er lebt mit seiner Familie in Fribourg.

Das ganze Interview mit Fabian Grolimund im Swissmilk-Podcast nachhören: