Gschicht vo hie

"Ein Zmorge soll für alle schmecken und niemanden stressen."

Der Zmorge ist für viele Familien eine tägliche Zerreissprobe. Ernährungspsychologin Ronia Schiftan sagt, warum das nicht sein muss und wie man es schafft, als Familie entspannt in den Tag zu starten.

Zur Person

Ronia Shiftan hat einen Master in Angewandter Psychologie mit Schwerpunkt Medien-, Arbeits- und Organisationspsychologie an der FHNW Hochschule und ein CAS in Ernährungspsychologie. Spezialisiert ist sie in den Bereichen Medien- und Gesundheitspsychologie sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene. Ronia arbeitet vielfältig, u. a. als Referentin, Dozentin und Beraterin.

Ronia, ein Familien-Zmorge kann ganz schön hektisch sein: Alle sollen etwas essen, gesund soll es sein und möglichst einfach zuzubereiten. Wie geht das?

Gar nicht! Es muss nicht sein, dass alle zusammen am Zmorgetisch sitzen und zusammen Konfibrötli essen. Vielleicht braucht ein Kind noch etwas Zeit für sich, die Mama hat noch keinen Appetit und Papa macht sich ein Omelett. Wir machen uns oft zu viel Stress – weil wir das romantische Bild vom gemeinsamen Zmorgetisch im Kopf haben. Davon dürfen wir uns verabschieden. Jede Familie muss für sich herausfinden, wie sie am besten in den Tag startet.

 

Aber Kinder brauchen doch vor dem Mittag irgendetwas in den Magen, oder?

Ja, aber das kann auch in der Schulpause sein, mit einem etwas grösseren Znüni. Viel wichtiger ist zudem, dass die Kinder etwas trinken – das kann ein Smoothie, ein Glas Milch oder einfach nur Wasser sein.

 

Wann brauchen Kinder am Morgen etwas zum Essen – gibt es da einen Unterschied zwischen kleineren und grösseren Kindern?

Grundsätzlich nicht. Grössere Kinder haben meist einfach "gelernt", dass man am Morgen einen Zmorge isst – das ist aber nicht unbedingt gesünder, weil sie dann weniger gut auf ihren Körper hören. Sie spüren nicht mehr genau, wann sie Hunger haben, sondern haben sich vielleicht einfach an die Essenszeiten angepasst.

Elternfrage #1:

Mein Sohn möchte oft Wienerli vom Vorabend zum Zmorge. Ist das in Ordnung? (Anna Favre, Bern)

Ronias Antwort: 
Ja, das ist perfekt: Dein Kind weiss, was es will, und du als Mutter oder Vater kannst den Zmorge einfach und unkompliziert umsetzen.

Viele Eltern verbieten ihren Kindern ein allzu süsses Frühstück wie Nutella oder Schoggiflakes – und bieten ihnen dafür etwas "Gesundes" wie Joghurt oder Butterbrötli an.

Als Eltern möchte man, dass das Kind gut isst, gross und stark wird – absolut verständlich. Aber oftmals unterscheiden wir dann in "gesundes" und "ungesundes" Essen. Das führt dazu, dass Kinder das "Ungesunde" umso attraktiver finden. Wobei oft sehr willkürlich ist, was als gesund bezeichnet wird und was als ungesund. Nehmen wir ein Butterbrötli mit Konfi: Das hat genauso viel Zucker und Fett wie ein Nutellabrötli – letzteres gilt aber bei vielen als extrem ungesund.

Klar ist es nicht sehr sinnvoll, wenn wir unseren Kindern stark gezuckerte Waren zum Zmorge anbieten, weil sie dann in ein Zuckerloch fallen können. Aber das merken die meisten Kinder – und irgendwann verleidet ihnen dieser Zmorge. Eltern bieten am besten einfach einen Zmorge an, den sie als sinnvoll erachten.

Elternfrage #2:

Meine Kinder schlafen lange und wollen kein Frühstück. Sie müssen trotzdem ein Butterbrot essen. Ist das falsch? (Jonas Meier, Zürich)

Ronias Antwort: 
Zwang ist nicht optimal. Es könnte allen helfen, wenn die Kinder einen etwas grösseren Znüni in die Schule nehmen dürfen: Du hast weniger Stress am Morgen, die Kinder kommen gut durch den Vormittag.

Und was, wenn das Kind sagt: Entweder ich bekomme die Schoggiflakes oder ich esse keinen Zmorge?

Dann sollte ich mich als Elternteil fragen: Warum ist das Essen zum Verhandlungsgegenstand geworden? Essen sollte einfach Essen sein und nicht ein Druckmittel. Dabei ist es durchaus akzeptabel, als Eltern zu sagen: Wir kaufen keine Schoggiflakes, weil sie zum Beispiel sehr teuer sind. Oder: Wir erwarten, dass du danach immer gründlich die Zähne putzt.

Der Zmorge ist für viele Familien auch ein Ritual: Man sitzt zusammen, alles ist immer gleich. Ist das sinnvoll?

Rituale sind der Kitt jeder Gesellschaft – sie haben etwas Beruhigendes. Die Frage ist nur, welches Ritual zu welcher Familie passt. Man sollte Rituale immer hinterfragen und so anpassen, dass sie nicht zu einem Zwang werden, sondern das Leben erleichtern. Das kann bedeuten, dass in der einen Familie vielleicht jeder den Zmorge vorbereitet, der für ihn passt – sich die ganze Familie aber am Abend beim Znacht trifft und den Tag bespricht.

 

Wie können wir als Eltern für unsere Kinder Vorbilder sein am Zmorgetisch?

Indem wir zeigen, dass auch wir unsere Bedürfnisse haben und diesen Raum geben. Wenn Papi entspannt mit einer Tasse Tee am Tisch sitzt, die Mami ihre fünf Butterbrötli isst und jeder das tut, was er mag, dann ist das perfekt. Die Kinder sollen sehen, dass jeder andere Ansprüche und Gelüste hat und dass alle ihren Platz haben.

 

Dann ist also die Atmosphäre fast gleich wichtig wie die Nahrung an sich?

Ich würde sogar sagen, sie ist wichtiger! Wenn ein Kind gezwungen wird, seinen «gesunden» Zmorge zu essen, den es eigentlich gar nicht mag, ist das vermeintlich gut – aber langfristig lernt es, dass Essen ein Machtinstrument sein kann. Das ist auf Dauer nicht gesundheitsförderlich. Essen sollte lustvoll sein.

Elternfrage #3:

In unserer Kita gibt es zum Frühstück Konfi, Honig und Schoggimilch. Ist das nicht etwas gar süss? (Aisha Weber, Luzern)

Ronias Antwort:
Das ist ein süsser Zmorge, ja. Versuche dich zu fragen: Warum stört mich das? Fürchte ich, dass das Essen den Zähnen schadet? Glaube ich, dass das Kind so bald wieder Hunger hat? Wenn wir unsere Einstellungen hinterfragen, kommen wir ihnen auf die Spur. Tausche dich doch einmal mit der Kita-Leitung dazu aus

Manchmal ist am Zmorgetisch auch Ausnahmezustand: etwa, wenn eine wichtige Prüfung ansteht oder man selbst sehr gestresst ist.


Ja, Stress wirkt auf mehreren Ebenen: körperlich, emotional und zeitlich. Man hat entweder Heisshunger oder keinen Appetit, snackt mehr oder hat gar keine Zeit zum Essen. Hier ist es wichtig, sich bewusst zu sein, wann es stressig werden könnte, und vielleicht auch mal etwas vorzubereiten, um für den Tag gerüstet zu sein.