Schweizer Milch

Solarstrom auf der Alp – so funktionierts.

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Solarstrom auf der Alp – so funktionierts.

Biolandwirtschaft betreiben, während man auf der Alp jährlich rund 500 Liter Diesel verfeuert? Für Beat Ming geht das nicht auf. Seit letztem Sommer sorgt darum eine mobile Solaranlage für umweltfreundlichen Strom.

Solarstrom auf 1800 Meter über Meer

Ich bin froh, dass Beat Ming das Fahren übernimmt. Denn ab Kaiserstuhl im Kanton Obwalden führt die Strecke steil bergauf. Auf Asphalt folgt Beton, auf Beton folgt Schotter; immer schmaler wird der Weg. Wir sind unterwegs auf die Seefeldalp auf 1800 Meter über Meer, wo die 25 Kühe von Beat Ming den Sommer verbringen. Immer mal wieder muss ich aus dem Auto springen, um einen Viehzaun zu öffnen und hinter uns wieder zu schliessen. Dazwischen erzählt Beat Ming, was seine Alp so besonders macht.

"Seit letztem Jahr betreiben wir unsere Melkmaschine mit einer Solaranlage", sagt er. Das macht zwar bereits der eine oder andere Älpler so. Der Clou von Beat Mings neuer Anlage: Sowohl die Solarpanels als auch die Batterie sind mobil. Der Landwirt aus Lungern kann sie also während des Winters im Tal nutzen, im Frühling in die Voralp zügeln und später mit auf die Hochalp nehmen. So ist die Anlage jederzeit gut ausgelastet – nicht nur während des kurzen Alpsommers.

Tüftler Max Ursin (links) und Landwirt Beat Ming

Tüftler Max Ursin (links) und Landwirt Beat Ming

Erfolgreicher erster Versuch

Entwickelt hat die Anlage Max Ursin, der mit uns im Auto sitzt. Der Tüftler aus Meiringen, der mit seiner Firma auch Batterielösungen für stationäre Solaranlagen auf Hausdächern konzipiert, störte sich daran, dass so viele der schweizweit etwa 1300 Alpbetriebe Strom mit Dieselgeneratoren produzieren. "Das wollte ich ändern: Ich haben im 'Schweizer Bauer' ein Inserat geschaltet und nach Interessenten gesucht, die eine solche Anlage testen möchten." Der erste Versuch im Berner Eriz verlief erfolgreich, mittlerweile nutzen sechs Betriebe Ursins Erfindung.

5

Das macht die Solaranlage so genial.

  1. Spart pro Sommer zwischen 500 und 1000 Liter Diesel ein

  2. Verursacht weder Lärm noch Gestank

  3. Kann in anderthalb Stunden auf- und abgebaut werden

  4. Mobil und somit auf der Alp und im Tal einsetzbar

  5. Verlässlich dank Fernzugriff und App-Überwachung

In anderthalb Stunden aufgebaut

Auf den letzten Wegmetern, noch bevor die Alphütte zu sehen ist, blitzen uns schon die Solarpanels entgegen: 40 Quadratmeter Blau inmitten grüner Matten. "Rund anderthalb Stunden hat es gedauert, bis die Anlage stand – und wiederum anderthalb Stunden wird es dauern, bis alles wieder zerlegt und verpackt ist", erklärt Beat Ming. Die Leistung der Anlage liegt bei
6 Kilowatt.

Momentan produziert die Anlage allerdings weniger Strom, als man beim prächtigen Spätsommerwetter erwarten dürfte. Kaum aus dem Auto gestiegen, weiss Max Ursin auch schon warum: Zwischen den Solarpanels sind Pflanzen in die Höhe geschossen und werfen Schatten. "Du musst dringend mähen!", rät er Beat Ming. Dieser greift auch schon zur Sägesse und gebietet dem Wildwuchs Einhalt.

Beat Ming befreit die Solaranlage von Unkraut.

Beat Ming befreit die Solaranlage von Unkraut.

Handarbeit – trotz Hightech

Ohnehin ist hier oben – trotz Hightech – vieles Handarbeit: nicht nur das Mähen, sondern auch die Käseherstellung. Dafür ist Sennerin Veronika zuständig, die mit ihrem Mann Matthias und den drei Kindern den Sommer auf der Seefeldalp verbringt. Gekäst wird hier noch ganz traditionell über dem offenen Feuer. Als wir ankommen, ist die morgendliche Produktion schon fast abgeschlossen; routiniert wendet die Sennerin die frischen Käselaibe und beschwert sie mit einer Holzplatte, um die Feuchtigkeit auszupressen.

Zwei, drei Schritte hinter der urigen Käserei ist es schon wieder vorbei mit Bergromantik – hier dominiert die Technik. Auf einem überraschend kompakten Autoanhänger sind alle Komponenten verbaut, die es braucht, um den Solarstrom, den die Panels vor der Hütte produzieren, zu speichern und nutzbar zu machen: zwei Salzbatterien, drei Wechselrichter und ein Laderegler.

Meine Familie und ich betreiben seit über 25 Jahren Biolandwirtschaft. Trotzdem jedes Jahr etwa 500 Liter Diesel zu verfeuern – das geht für mich ökologisch nicht auf.

Beat Ming, Landwirt

Diesel nur noch im Notfall

Die Kapazität der Anlage reicht, um den Energiebedarf der Melkmaschine für zwei Tage zu decken. Und auch fürs Radiohören und Handyladen ist genug Strom vorhanden. Für den Fall, dass sich die Sonne über mehrere Tage überhaupt nicht zeigen sollte, steht neben dem Batterieanhänger immer noch ein alter Dieselgenerator. "Den Generator nutzen wir aber nur noch ausnahmsweise, zum Holzspalten im Herbst oder wenn das Wetter über mehrere Tage wirklich sehr schlecht ist", sagt Beat Ming. "Heuer war das vielleicht an zwei Tagen der Fall."

Dank App stets informiert über Stromproduktion und Ladestand
Dank App stets informiert über Stromproduktion und Ladestand

Kein Lärm, kein Gestank

Einer, der sich über die technische Neuerung besonders freut, ist Senn Matthias. Er verbringt seit vielen Jahren seine Sommer auf verschiedenen Schweizer Alpen. "Der Lärm und der Gestank der Dieselgeneratoren haben mich aber mehr und mehr gestört", berichtet er. "Da ist die Solaranlage eine echte Alternative – zumal sie auch wirklich verlässlich funktioniert."

Sollte dennoch einmal eine Störung auftreten, ist diese dank Fernzugriff meist schnell behoben. Über Stromproduktion und Ladestand können sich Senn und Landwirt zudem ohnehin jederzeit per Smartphone-App informieren. Gerade für Landwirt Ming ist das praktisch, liegt die Alp Seefeld doch fast eine Autostunde von seinem Hof in Lungern entfernt.

Senn Matthias freut sich über weniger Lärm und Gestank.

Senn Matthias freut sich über weniger Lärm und Gestank.

Eine Frage der Konsequenz

Die Anlage ist aber nicht nur funktional, sondern für Beat Ming auch eine Frage der Konsequenz: "Meine Familie und ich betreiben seit über 25 Jahren Biolandwirtschaft. Trotzdem jedes Jahr etwa 500 Liter Diesel zu verfeuern – das geht für mich ökologisch nicht auf." Als Selbstvermarkter merkt er zudem, dass Fragen der Nachhaltigkeit auch bei den Kundinnen und Kunden eine immer grössere Rolle spielen. "Das hat sich zu einem zusätzlichen Verkaufsargument entwickelt. Dem gilt es Rechnung zu tragen."

Am offenen Feuer geschmolzen: Beat Mings Bratkäse
Am offenen Feuer geschmolzen: Beat Mings Bratkäse

Alpabzug mit Solaranlage

Vom wichtigsten Verkaufsargument, dem Geschmack, darf ich mich selbst überzeugen: Warm schmecke der Obwaldner Käse nämlich besonders gut. Beat Ming legt einen Viertellaib auf einen Stein direkt ans offene Feuer; er wartet, bis der Käse angeschmolzen und leicht gebräunt ist, und streicht ihn auf eine Scheibe Brot, das Sennerin Veronika gebacken hat. Köstlich! Bevor Beat Ming mich wieder zu Tal chauffiert, schauen wir noch kurz im Käsekeller vorbei. Alp- und Bratkäse leuchten gelb aus dem kühlen Halbdunkel. Die vollen Regale verraten es: Der Alpsommer neigt sich dem Ende zu. In wenigen Tagen wird die Sennerfamilie ihre Siebensachen zusammenpacken und mit den Kühen hinunter in die Voralp ziehen. Die Solararanlage – die kommt natürlich auch wieder mit.